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Morbus Hirschsprung: Was Eltern wissen müssen

Morbus Hirschsprung ist eine seltene, angeborene Erkrankung des Darms, die sich meist bereits im Neugeborenen- oder Säuglingsalter zeigt. Als Kinderchirurg mit Spezialisierung auf Kolorektalchirurgie behandle ich regelmäßig Kinder mit dieser Diagnose – und begleite Familien durch den gesamten Prozess von Diagnose bis Nachsorge.

Von PD Dr. med. Carlos A. Reck-BurneoBoard Certified Pediatric Surgeon (USA)

Wichtiger Hinweis

Morbus Hirschsprung ist selten (ca. 1:5.000 Neugeborene). Nicht jedes Kind mit Verstopfung hat diese Erkrankung. Wenn Sie unsicher sind, nutzen Sie unseren Symptom-Checker als erste Orientierung.

Zum Symptom-Checker

Was ist Morbus Hirschsprung?

Beim Morbus Hirschsprung fehlen in einem Abschnitt des Dickdarms die sogenannten Ganglienzellen – Nervenzellen, die für die Darmbewegung (Peristaltik) zuständig sind. Ohne diese Nervenzellen kann sich der betroffene Darmabschnitt nicht entspannen. Es entsteht eine funktionelle Verengung, die den Stuhl nicht passieren lässt.

Die Erkrankung ist angeboren und entsteht während der Embryonalentwicklung, wenn die Nervenzellen nicht bis zum Ende des Darms wandern. Am häufigsten ist der letzte Abschnitt des Dickdarms betroffen (Rektosigmoid), aber in seltenen Fällen kann ein längeres Segment oder sogar der gesamte Dickdarm beteiligt sein.

Warnsignale: Woran erkenne ich Morbus Hirschsprung?

Die Erkrankung zeigt sich meist sehr früh – oft bereits in den ersten Lebenstagen. Folgende Zeichen sollten Sie aufmerksam machen:

Bei Neugeborenen:

  • Erster Stuhlgang (Mekonium) kommt nicht innerhalb von 48 Stunden nach der Geburt
  • Aufgeblähter Bauch
  • Erbrechen (gallig, grünlich)
  • Trinkschwäche

Bei Säuglingen und Kleinkindern:

  • Chronische, schwere Verstopfung seit der Geburt
  • Ständig aufgeblähter Bauch
  • Gedeihstörung (Kind nimmt nicht zu, wächst nicht)
  • Explosionsartiger Stuhlgang nach rektaler Stimulation (z.B. Fiebermessen)
  • Wiederkehrende Episoden mit Fieber, aufgeblähtem Bauch und übelriechendem Durchfall (Enterocolitis)

Abgrenzung: Kinder mit Morbus Hirschsprung hatten in der Regel nie eine Phase mit normalem Stuhlgang. Im Gegensatz dazu beginnt die häufige funktionelle Verstopfung meist erst mit der Umstellung auf feste Nahrung, der Sauberkeitserziehung oder nach einem stressigen Ereignis.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Bei Verdacht auf Morbus Hirschsprung werden folgende Untersuchungen durchgeführt:

1. Rektumbiopsie (Goldstandard)

Eine kleine Gewebeprobe wird aus der Darmwand entnommen und unter dem Mikroskop auf Ganglienzellen untersucht. Fehlen diese, ist die Diagnose gesichert.

2. Kontrasteinlauf (Röntgen)

Ein Röntgenbild mit Kontrastmittel zeigt den typischen Kalibersprung: Der Darm vor der Engstelle ist stark erweitert, dahinter verengt.

3. Anorektale Manometrie

Eine Druckmessung prüft, ob der innere Schließmuskel den normalen Entspannungsreflex zeigt. Fehlt dieser Reflex, ist das ein starker Hinweis auf Hirschsprung.

Die Behandlung: Die Pull-through-Operation

Die einzige Behandlung des Morbus Hirschsprung ist eine Operation. Dabei wird der Darmabschnitt ohne Nervenzellen entfernt und der gesunde, funktionierende Darm direkt mit dem Anus verbunden. Diese Operation wird Pull-through genannt.

Heute wird die Operation meist minimal-invasiv (laparoskopisch) und häufig bereits im ersten Lebensjahr durchgeführt. In erfahrenen Zentren sind die Langzeitergebnisse überwiegend gut; wie bei jeder Operation bespricht das Behandlungsteam Nutzen und Risiken vorab mit Ihnen.

Nach der Operation: Was erwartet Sie?

Erste Wochen

  • Häufiger Stuhlgang (10-20x/Tag)
  • Wunder Po durch häufigen Kontakt
  • Schrittweise Normalisierung
  • Regelmäßige Arztkontrollen

Langfristig

  • Bei den meisten Kindern: normale Stuhlfrequenz
  • Manche Kinder: Stuhlschmieren (meist vorübergehend)
  • Gelegentlich: Obstipation trotz OP → Darmmanagement
  • Lebenslange Nachsorge empfohlen

Enterocolitis: Das wichtigste Warnsignal nach der OP

Die gefährlichste Komplikation nach einer Hirschsprung-Operation ist die Enterocolitis – eine Darmentzündung, die schnell lebensbedrohlich werden kann. Kennen Sie die Warnsignale:

  • Plötzlich aufgeblähter Bauch
  • Fieber
  • Übelriechender, wässriger oder blutiger Durchfall
  • Kind wirkt krank, schlapp, trinkt nicht

Bei diesen Zeichen: Sofort in die Notaufnahme! Enterocolitis erfordert sofortige Behandlung.

Häufige Fragen

Ist Morbus Hirschsprung erblich?
Es gibt eine genetische Komponente. Das Risiko für Geschwister liegt bei 3–5% (bei kurzem Segment) bzw. bis 17% (bei langem Segment). Wenn bereits ein Kind in der Familie betroffen ist, sollte bei Neugeborenen mit verspätetem Mekoniumabgang eine gezielte Diagnostik erfolgen.
Kann mein Kind nach der OP ein normales Leben führen?
Ja, die große Mehrheit der Kinder führt nach erfolgreicher Operation ein vollkommen normales Leben. Sport, Schule, Ernährung – alles ist möglich. Manche Kinder brauchen in den ersten Jahren etwas Unterstützung beim Darmmanagement, aber langfristig erreichen die meisten eine gute Kontinenz.
Wer sollte die Operation durchführen?
Ein Kinderchirurg mit Erfahrung in Kolorektalchirurgie. Die Ergebnisse hängen stark von der Erfahrung des Operateurs ab. Fragen Sie nach der Fallzahl: Wie viele Pull-through-Operationen führt das Zentrum pro Jahr durch? Erfahrene Zentren operieren mindestens 5–10 Fälle jährlich.

Mehr zu Morbus Hirschsprung und anorektalen Fehlbildungen

Im Buch „Wenn der Bauch blockiert" widme ich ein vollständiges Kapitel dem Morbus Hirschsprung und verwandten Erkrankungen. Sie erfahren alles über Diagnostik, Operationsverfahren, die Zeit danach und wie Sie als Eltern Ihr Kind bestmöglich unterstützen.

Besonders relevant: Kapitel 2 – Wenn der Bauch Probleme macht (Morbus Hirschsprung, Anorektale Fehlbildungen, Differentialdiagnosen)

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